Inspiration über Kanku-Dai

Unserem Wunsch entsprechend gab Michael Gehre an seinem Gasttraining des 14. September eine Einführung in die Kata Kanku-Dai. Auch wenn an diesem Mittwoch wieder alles vom Orangegurt bis zum Schwarzgurt vertreten war, teilte er uns nicht, wie voriges Mal bei der Bassai-Dai, in zwei Gruppen auf, um parallel auf unterschiedlichem Niveau zu üben. Denn die Kanku-Dai ist die Mutter aller Heian-Katas. Aus ihr sind von den Pionieren des modernen Karate essentielle Elemente genommen und zum Zweck der Lernvereinfachung zu fünf kürzeren Katas zusammengestellt worden, die geeignet sind, Schüler vom Weißgurt aufwärts stufenweise mit dem Wesen der Formen vertraut zu machen. Somit konnten wir von einer gemeinsamen Basis ausgehen. Bevor wir schließlich zum Ende der Trainingsgseinheit den Anfangsteil der Kanku-Dai bis zum ersten Kiai liefen, führte uns Michael mit einer in sechs Schritten aufgebauten Kumite-Vorübung an eine charakteristische Sequenz dieser Kata heran. Statt dies nun im Einzelnen zu beschreiben, möchte ich als Vertreter des traditionellen, Zen orientierten Karate-Do mit ein paar Gedanken auf die nicht nur für die Karateschüler sondern auch für ihre Haustrainer interessante mentale Nachwirkung dieses Unterrichts eingehen.

Unabhängig davon, was wir Michaels Übungen praktisch abgewinnen, gibt sein Vorbild einen Impuls, der den Resonanzkörper der Schüler-Gruppe im Karate-Geist zum Schwingen bringt und über die Trainingszeit hinaus nachhallt. Auf diese Wechselbeziehung kommt es mehr an als darauf, die Äußerlichkeiten der gestellten Aufgaben zu bewältigen. Freilich ist es schwer gegen den Zeitgeist und das Sportkarate an zu vermitteln, dass es z. B. bei der Dojo-Etikette, in Rückbesinnung auf ihren Ursprung, auch darum geht, durch Anrufung des Karate-Geistes für die Übungszeit einen unsichtbaren spirituellen Raum der verdichteten Übungsatmosphäre zu bilden, in dem die Überhöhung der Kampfkunst kultiviert werden kann: 1. „Shomen …“, die Anrufung des Dojo-Geistes, 2. „Sensei …“, die Anrufung des Geistes, der die Gruppe anleitet, 3. „Otagai …“, die Anrufung der Individualität im Gemeinschaftsgeist, damit das Karate des Einzelnen so werden kann, wie es sein soll. Schaffung von Harmonie durch Übereinstimmung mit dem Kollektiv des Über-Ichs. Wir sollten nicht ganz aus dem Blick verlieren, dass die pragmatische Seite der Karate-Medaille, welche Sport und Selbstverteidigung abbildet, eine Kehrseite hat, aus der wir Wege zu Spiritualität, Tugend, Gesundheit und vor allem zur Selbstverwirklichung ablesen können. In Übereinstimmung mit ZEN geht es im Karate darum, „das Ich zu treffen.“ „Werde der du bist!“ haben schon die alten Griechen im Tempel von Delphi in Stein gemeißelt, was eigentlich auch auf nichts anderes abzielt, als der „Wahrheit des reinen Selbst“ zu begegnen und ihr gerecht zu werden. Mit diesem Karate-Bild bin ich gelegentlich der verhaltenen Kritik an meiner vermeintlich unrealistischen Erwartungshaltung im Training ausgesetzt. Dagegen halte ich den Vergleich der prosaischen Sprachwirklichkeit mit der Poesie. Wozu Karate über eine anwendbare Zweckmäßigkeit hinaus? Aus dem gleichen Grund wie die Dichter gereimt haben. Vertrauen wir in diesem Sinne der Kultur eines vollständigen Karate, seinen praktischen Anleitungen zur Übung der rechten Haltung, die eine Verbindung zwischen der Philosophie des Weges und dem körperlich technischen Training schaffen. Halten wir einfach die von einer fernöstlichen Parabel des Lebenskampfes bestimmten Rituale ein und warten ihre Wirkung ab.

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